Denn Tiere sind keine Maschinen

Der „Familienentwurf“ des Bauernverbandes

von Admin, am 12.02.2019.
https://www.facebook.com/BauernverbandSchleswigHolstein/videos/1584344498335811/
Der Bauernverband Schleswig-Holstein startet aktuell einen weiteren recht hilflosen Versuch, um die industrielle Tierhaltung positiver in der Öffentlichkeit zu besetzen. Jetzt sollen die Betriebe als Arbeitsplätze durchgehen und die tierische Belegschaft als ganz normale Angestellte. Da wünschen wir wirklich von Herzen ganz viel Erfolg bei der Durchsetzung, denn sobald der Staat das durchgewunken hat, ist das ein Riesenschritt in Sachen Tierrechte. Denn es ist absolut auszuschließen, dass sich die deutsche Gesetzsprechung damit vereinbaren lässt, Angestellte gegen ihren Willen und auf regelmäßiger Basis zu schwängern, ihnen direkt nach der Geburt die Kinder wegzunehmen, die männlichen Nachfolger nach kurzer Lebenszeit umzubringen, und überhaupt statt eine Rente auszuzahlen im nicht mehr produktiven Alter einen Termin beim Schlachter zu vereinbaren. Also nur zu, setzt ganz schnell durch, dass eure Rinder normale Arbeitnehmer und eure Angestellten sind, das wäre mal ein Tierwohl-Siegel, das seinen Namen verdient hätte.
 
Aber ganz so einig scheint sich der Bauernverband über diesen mutigen Vorstoß dann doch nicht zu sein, denn im Folgebeitrag ist dann plötzlich die Rede davon, dass es sich um eine Familie handelt, zu der alle Zwei- und Vierbeiner gehören. Passend dazu tänzelt direkt ein menschliches Kind durchs Bild. Dem möchte man direkt ein „Lauf um dein Leben, bevor du deine Geschlechtsreife erlangst“ zurufen, denn wie die Kinder in dieser Familie behandelt werden, sieht man direkt in der nächsten Szene. Dort wird im Hintergrund etwas davon gelallt, dass man in dieser nordischen Version der Addams-Family schon von kleinauf lernt, was Fürsorge und Verantwortung für Tiere bedeutet, während im Bild die Kälber-Iglus auftauchen, in denen die Kinder nur noch von ihren Müttern und der für sie bestimmten Milch träumen können, und stattdessen mit so einem schäbigen Ersatzprodukt abgespeist werden, dass sie gierig jeden Finger, jeden Eisenstab und überhaupt ihre ganze Umgebung nach etwas ablecken, das auch nur ansatzweise daran erinnert. Warum das menschliche Kind noch auf freiem Fuß ist und bestimmt auch gesäugt wurde, wird nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich basiert diese Familie doch auf einem Entwurf der Gebrüder Grimm, mit einer Handvoll menschlicher Schwiegermütter und 250 tierischen Aschenputtels, für die es aber kein Prinzen-Happy-End geben wird.
 
Unglaublich auch, dass in diesem Beitrag die Milchquote ganz offen besprochen und sogar abgefeiert wird. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab eine Kuh noch durchschnittlich 2.600 Liter Milch pro Jahr, heute liegt der Wert bei circa 8.000 Litern. Und das ist nur der Durchschnittswert, es gibt heuzutage Spitzenkühe, die über 20.000 Liter im Jahr produzieren müssen. Und das ist wirklich nichts, auf das man stolz sein könnte und mit fröhlicher Gute-Laune-Musik unter das Volk bringen sollte.
 
Zum Abschluß gibt es dann nochmal einen Lacher, denn tatsächlich ist man sich nicht zu schade für den Hinweis, dass die Betriebe strengen Kontrollen unterliegen. Die sind dermaßen streng, dass sie in Niedersachsen alle 21 Jahre erfolgen, in Nordrhein-Westfalen lässt man sich gut 15 Jahre Zeit und in Bayern sind es unglaubliche 48 Jahre, die zwischen den „strengen Kontrollen“ liegen. Im Landesdurchschnitt werden Tierbetriebe alle 17 Jahre von Behördenseite unter die Lupe genommen. Es sei denn, man führt einen Lebenshof, dann kommen gleich mehrere Ämter regelmäßig mehrmals im Jahr vorbei.
 
Wir können wirklich nur hoffen, dass diese Videos und hanebüchenen Aufklärungskampagnen nach hinten losgehen. Immerhin sind sie ja nicht sehr schwer zu entlarven und der Verbraucher wird auch mittlerweile an jeder Ecke von neutralen Stellen über die grausamen Zustände informiert. Vor diesem Hintergrund kann es doch eigentlich nicht funktionieren, einfach mit Lalala-Musik-Unterlegung die widerlichen Fakten ins positive Licht zu stellen und sie mit holprigen Vergleichen humaner wirken zu lassen. Die Hoffnung stirbt da zumindest zuletzt.

Kategorie: Allgemein

4 Antworten zu “Der „Familienentwurf“ des Bauernverbandes”

  1. Avatar Antonia sagt:

    Was für ein Hohn, von Fürsorge für alle Zwei- und Vierbeiner zu sprechen, während genau aufs Stichwort mehrere Reihen von Kälber-Iglus zu sehen sind!! Dieses Video wirkt, als hätte man mit Absicht einen zynischen Beitrag produzieren wollen. Aber der Bauernverband wollte wohl ernsthaft ein positives Bild zeichnen. Sowas macht mich wütend und traurig. Da kann man in der Tat nur hoffen, dass diese stümperhafte Positiv-Verdrehung sogar weniger sensiblen Menschen auffällt.

    Über „Tiere als Mitarbeiter“ wird ja in Bayern diskutiert, (oder ist sogar schon umgesetzt?). Polizeipferde sollen sowas wie einen Beamtenstatus bekommen, was ihnen nach ihrem Dienst einen Platz auf einem Lebenshof garantiert. Der aktuelle Stand ist mir aber nicht bekannt. Weiß das hier jemand?

  2. Avatar Ursula sagt:

    Standards aus der menschlichen Arbeitswelt
    für „Nutztiere“?? Da halte ich doch dagegen
    und vermute, daß es eher geplant ist, die
    „Nutztier“-Lebens- und Haltungsbedingungen
    sukzessive auf die Haltungsbedingungen für
    Menschen zu übertragen. Orwell läßt grüßen.

  3. Avatar Monika Hoffmann-Kühnel sagt:

    Ich fürchte, einem „Normalbürger“ fällt gar nicht auf, dass es sich bei Kälbern in Iglus nicht um eine artgerechte Haltung handelt…und dass Kühe wohl kaum genügend Auslauf haben, wenn sie sich zweimal am Tag zum Melkstand bewegen. Da braucht es noch eine Menge Aufklärung, und so lange hat die heile Welt des Bauernverbands durchaus Glaubwürdigkeit, leider…!

  4. Avatar Gabriele sagt:

    In der Werbung (z.B. Weihenstephan) wird doch schon mit diesen verharmlosenden Begriffen gearbeitet. Es wird von „unseren Mitarbeiterinnen“ gesprochen und ein kurzes Bild von zufriedenen, schönen Kühen in einem gemütlichen Stall voller frischem Heu wird gezeigt. Wir wissen doch aber alle, daß die Werbung immer lügt.

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