Denn Tiere sind keine Maschinen

Abschied von Lieselotte

von Admin, am 02.09.2025.

Als wir die Hühner gestern ins Bett bringen wollten, war Lieselotte nicht dabei, was für sie sehr merkwürdig war. Denn meistens gehört sie zu denen, die sich schon freiwillig in Richtung Stall orientieren und dort auf ihr Abendessen warten. Also hat Tomka den ganzen Hof abgeklappert, was bei einer Hühnersuche immer aufwendig ist, da sich diese neugierigen Tiere wirklich fast überall hineindrücken können, um Räumlichkeiten zu inspizieren. Es ist schon legendär, an was für verrückten Orten wir Eiergelege gefunden haben, selbst der Autor entdeckt bei seinen Quartalsaufenthalten immer Beweise im Büro, dass ein Huhn sehr fleißig die Ablage kontrolliert hat.

Schließlich konnte Tomka Lieselotte dann hinter einem Strohballen entdecken. Dort konnte sie ohne Probleme hochgenommen werden, was in ihrem Fall sehr ungewöhnlich war. So etwas lässt sie eigentlich nur mit sich machen, wenn sie mal ein Ei legt. Aber es waren keine Eier unter ihr und sie gluckte auch nicht. Also brachte Tomka sie in den Hühnerstall, wo sie einfach mit herunterhängenden Flügeln stehen blieb. Das war definitiv ein Alarmzeichen, auch bei ihren Gehversuchen wirkte sie unsicher und unbalanciert.

Also wurde sie wieder auf den Arm genommen und im Licht genauer untersucht. Der erste Verdacht war ein feststeckendes Ei, aber ihr Bauch war ganz weich. Also suchte sich Tomka Hilfe, um zu zweit eine bessere Untersuchung zu vollziehen, aber leider war es dafür schon zu spät, denn Lieselotte krampfte plötzlich und verstarb danach in Tomkas Armen. Wir gehen davon aus, dass ihr Herz und/oder andere Organe versagt haben. Am Morgen schoss sie noch fröhlich aus dem Stall und war den Tag über auf dem Hof und im Garten unterwegs. Wann sie sich hinter dem Strohballen versteckt hat, können wir nicht genau sagen. Aber sie muss wohl etwas gespürt haben, was sie dazu brachte, einen ruhigen Ort aufzusuchen, wo sie dann aber auch außerhalb unserer Kontrolle versteckt saß.

Lieselotte war ein richtiger Wirbelwind. Sie hat bei ihren Erforschungen oft Sachen heruntergeworfen, gerne bei losen Zetteln mit den Flügeln geschlagen und war immer die Erste, wenn sich ihr jemand mit Essen in der Hand näherte. Wir haben sie nicht umsonst „Turbolotte“ genannt, denn sie konnte nicht nur schnell rennen, auch jeder fallengelassene Krümel vom Menschentisch war im Schnabel, noch bevor er den Boden berührte.

Erst vor gut einem Monat haben wir Buffy morgens tot im Stall gefunden und leider sind diese plötzlichen Tode nicht so selten bei den Leistungshühnern. Ihre Körper machen wahnsinnige Strapazen durch und ihre Lebenserwartung kann dementsprechend sehr verkürzt sein. Lieselotte legte schon seit einiger Zeit nur noch sporadisch Eier und war längst aus dem mörderischen Tagesrhythmus raus, dennoch hinterlässt die Zeit in der Industrie ihre Spuren. Aus unserer aktuellen Hühnergruppe lebte sie am längsten auf Butenland, deshalb versuchen wir uns jetzt auch etwas darüber zu freuen, dass sie noch tolle drei Jahre in unserer Obhut verbringen durfte. Gerade für ein Huhn aus der Industrie ist das keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem tut es einfach nur weh, weil sie wie alle diese kleinen Seelen eine unvergessliche Persönlichkeit war, die hier eine riesige Lücke hinterlässt.

Fly free, Lieselotte, hoffentlich hast du unsere Entschuldigung für deine Zeit vor Butenland angenommen und gemerkt, dass es auf diesem Planeten auch anständige Leute gibt, die euch als das sehen, was ihr seid: Wunderbare Individuen auf absoluter Augenhöhe mit dem Menschen, weswegen es ein schlimmes Verbrechen darstellt, euch nicht dementsprechend zu behandeln.


Kategorie: Allgemein

4 Antworten zu “Abschied von Lieselotte”

  1. Maggie sagt:

    Jeder Abschied macht einen traurig.
    Tschüss Lieselotte

  2. Antonia sagt:

    Leb‘ wohl, hübsche Lieselotte.❤️

    Die drei unbeschwerten Butenland-Jahre sind wirklich ein Trost und auch, dass sie vor ihrer Abreise nicht lange gelitten hat.

    Wenn Tiere sich zum Sterben zurückziehen, ist es immer schwierig zu entscheiden, was man machen soll, weil man ja ggf. noch helfen kann. Bestimmt hat Lieselotte aber gemerkt, dass es gut gemeint war, dass Ihr sie aus ihrem Versteck geholt habt. Vielleicht war sie sogar froh darum, in ihrem letzten irdischen Momenten nicht alleine zu sein.

  3. Silke sagt:

    Machs gut, liebe Lotti ❤

  4. Varken sagt:

    Lieselotte war – wie jedes Lebewesen – ein echtes Original, und sie wird durch Euren Bericht fast wieder lebendig. Es ist traurig, dass sie tot ist. Und es ist schön, dass sie gelebt hat.

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