Denn Tiere sind keine Maschinen

Feuerfieber

von Admin, am 26.05.2020.

Die Autorin Hilal Sezgin, bekannt durch Veröffentlichungen wie „Artgerecht ist nur die Freiheit“ und „Warum? Weshalb? Vegan!“, hat ein neues Buch geschrieben, in das wir netterweise noch vor dem eigentlichen Erscheinungstermin einen Blick werfen durften. Bzw. es so begeistert wie ausgiebig verschlungen haben, dazu aber später mehr.

Dieses Werk hat gleich zwei Besonderheiten. Zum Einen wird es nicht regulär im Buchhandel verkauft, sondern im Rahmen einer Solidaritätsaktion per Crowdfunding angeboten. Der gesamte Gewinn wird in den Lebenshof für Schafe fliessen, den die Autorin betreibt. Unter dieser Adresse https://www.startnext.com/weisse-schnuten kann man sich eine Ausgabe in verschiedenen Versionen (einfache Druckversion, signiert oder sogar mit persönlicher Widmung) sichern und/oder die Schafe unterstützen, indem man zum Beispiel einen Zahnarztbesuch finanziell übernimmt. Diese Seite sollte also auch von jedem Lesemuffel angesteuert werden, der einfach einem tollen Hof unter die Arme greifen möchte.

Allerdings verpasst jeder dieser Muffel ein großes Vergnügen. Denn die zweite Besonderheit ist, dass Frau Sezgin ein fiktives Werk vorlegt, nämlich laut Untertitel einen „Tierrechtsroman, höchst realistisch mit einer kleinen Prise Drachen“, und damit die Leserschaft auf eine grandiose Achterbahnfahrt mit großem Gefühlskino schickt, ohne dabei zu vergessen, auch immer wieder Denkanstösse und Informationen einzubauen.

In den ersten Kapiteln werden die einzelnen Protagonisten und ihre Ansichten vorgestellt. Diese Besetzung fällt zum Glück sehr breit aus, so gesellen sich zu der mehrköpfigen Tierrechtsgruppe außerdem ein Journalist, im späteren Romanverlauf auch noch Eltern, Schlachthofmitarbeiter und natürlich der Drache. Das nutzt die Autorin sehr geschickt aus, indem sie die verschiedensten Perspektiven anbietet, immer geschildert aus der Sicht des Betroffenen und deshalb niemals abwertend. So wird die Leserschaft zum Beispiel mit dem Elend von Käfighühnern konfrontiert, in einem anderen Kapitel durchleidet sie mit einer anderen Figur gerade für Veganer allzu bekannte Morgengespräche mit der unveganen Rest-WG. Aber auch der Vegetarier wird eingeführt, der noch nicht so weit ist und dem der Veganismus an vielen Stellen übertrieben erscheint, ohne diese Figur als Schurken zu etablieren. Das Gleiche gilt für den Hausmeister im Schlachthof, der als normaler Mensch mit schrecklichem Beruf beschrieben wird.

Zusätzlich scheut sich die Autorin aber ebenfalls nicht, über den Tierrechtstellerrand hinauszuschauen. Folgerichtig bekommt auch der Sexismus sein Fett weg, indem ein Protagonist seine Abneigung gegen Heidi Klum äußert, an anderer Stelle erhalten politisch radikale Ansichten ihre verdiente Breitseite. Damit nicht genug gibt es auch genügend Raum für ganz banale Dinge wie Fahrerflucht nach Blechschaden, es wird teilweise romantisch, und durch manche Kapitel weht eine gehörige Brise Aussteigerträume. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, sei es durch die Beschreibung des wohl sehr gewöhnungsbedürftigen Verhältnisses zwischen Drachen und Dinosauriern oder auch durch den geistigen Kampf mit einer zwar unveganen, aber eben geschenkten Lieblings-Mandarinentorte, den unser Rezensent geradezu plastisch nachfühlen konnte.

Nach wenigen Kapiteln erscheint dann auch der Drache auf der Bildfläche und hier umschifft Frau Sezgin sehr gekonnt eine der größten Klippen, an denen so ein Roman scheitern kann. Denn dieses Fabelwesen wird so raffiniert eingeführt, dass sich jede/r LeserIn wohl demnächst intensiver auf dem eigenen Dachboden umschaut, und auf jeden Fall bedenkenlos die Existenz dieser Märchenfigur zumindest für die Dauer der Lesereise als gegeben hinnehmen kann. Und das ist wirklich wichtig, denn so funktioniert der Drache als Hauptdarsteller perfekt und er kann ganz neue Sichtweisen im Roman einfügen. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Drachensprache sehr viel bildhafter als die Menschenversion ist und richtige Gefühle übermitteln kann, was die Sezginsprache weidlich für atemberaubende Umschreibungen ausnutzt.

Der Rezensent war auch persönlich sehr dankbar dafür, dass die Autorin die üblichen Klischees links liegen lässt. Wenn ein Roman über Drachen oder andere Fabelwesen in der Gegenwart angelegt ist und nicht als reiner Kinderroman funktionieren will, dann kommt irgendwann das Militär inklusive Endkampf um die Ecke, entweder weil das Tierchen echt böse ist oder ein verrückter Befehlshaber den Schurken geben muss. In „Feuerfieber“ kommt nicht mal der Zipfel einer Soldatenuniform vor, stattdessen macht der Titel des Romans nach einem überraschenden Plot-Twist plötzlich noch mehr Sinn, und die ganz großen Geschütze wie Verrat, grenzenlose Freundschaft und das Recht auf Selbstbestimmung werden aufgefahren, ohne auch nur ansatzweise kitschig zu wirken. Zusätzlich wird man mit wahnsinnig interessanten Überlegungen konfrontiert, die zum Beispiel hinterfragen, ob man als Tierrechtler wirklich jede Waffe gegen die Ausbeuterindustrie nutzen darf und ab wann sich das eigene Gewissen einschaltet. Das sind Ansätze, die auch noch nach dem Lesevergnügen wirken und zum Grübeln anregen, kann ein Buch etwas Schöneres bewirken?

Hoffentlich ist es deutlich geworden, dass wir sehr begeistert von dem Werk sind. Dabei können wir nur hoffen, dass wir diese Besprechung allgemein genug gehalten haben, um nicht allzu viele Spoiler zu setzen. Denn einer der großen Reize dieses Buchs ist es, dass sich jedes Kapitel als wahre Wundertüte entpuppt, die Leserschaft mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert wird, und zwischen all den klugen Denkanstössen, lustigen Gedankenspielen und belegbaren Informationen auch die Handlung einer spannenden Geschichte konsequent vorangetrieben wird. So ist ein echter Seitenfresser entstanden, vom dem sich bestimmt viele Menschen erst in den frühen Morgenstunden nach dem Wort „Ende“ lösen können. Und dann direkt darüber nachdenken, sich gleich nochmal auf diese Reise zu begeben, die so bunt geschildert wird, dass man auch beim nächsten Trip noch viel Neues entdecken kann. Wir können „Feuerfieber“ jedenfalls nur jeder Leseratte ans Herz legen.


Kategorie: Allgemein

8 Antworten zu “Feuerfieber”

  1. Avatar margitta sagt:

    hallo , ich werde geade überschüttet mit informationen,bin absolut überfordert

  2. Avatar margitta sagt:

    wahrscheinlich ein demenzproblem, hoffe, dass es nicht schlimmer wird

  3. Avatar margitta sagt:

    hallo admin, was ist ein plot twist?

  4. Avatar Hilke sagt:

    margitta, „überraschende Wendung“, laut https://www.ecosia.org/
    Bei Überforderung hilft, die Tablette Antiüberforderung, die heißt „guckwegmed“ 🙂

  5. Avatar margitta sagt:

    hallo hilke, du hast mir sehr geholfen, ich guck einfach weg.

  6. […] Unter anderem indem ihr den neuen Roman vorbestellt, den wir vorab lesen durften und hier https://www.stiftung-fuer-tierschutz.de/2020/05/feuerfieber/ restlos begeistert besprochen haben.     Kategorie: […]

  7. Avatar Neugebauer, Gaby sagt:

    Hallo, der Roman übt einen gewissen Reiz aus. Und ich würde ihn gerne lesen. Wie und wo kann ich den Roman erwerben?
    Viele Grüße
    Gaby Neugebauer

  8. Admin Admin sagt:

    Den Roman gibt es über den Link, den wir extra im Text erwähnt haben. 🙂

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