Denn Tiere sind keine Maschinen

Stellungnahme zur Pressekonferenz zum neuesten Tierskandal

von Admin, am 01.08.2019.
Heute präsentieren wir euch die Pressekonferenz, mit der die Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Beamten des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West und des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit über den Stand des Ermittlungsverfahrens informiert. https://www.facebook.com/BR24/videos/1289336977909764/UzpfSTEwMDAwMzg2MTA4Nzc2MzoyMjMwMDY1ODgwNTY2MjE0/ Es ist hochinteressant, mit was für Phrasen gearbeitet wird, wie sehr Dinge bagatellisiert werden und was für ein Pro-Bauer-Kurs selbst in so einer Phase eingeschlagen wird.
 
Das fängt schon damit an, dass der Polizistenmoderator direkt in seiner Einleitung nur etwas von „möglichen“ Verstössen gegen das Tierschutzgesetz faselt. Dabei nimmt er sogar Bezug auf die ihm bekannten Bilder, wo Rinder getreten werden, ihnen am Schwanz gerissen wird, und auf denen eine lebende Kuh an einer Baggerschaufel mit dem Kopf nach unten über ein Gitter gezogen wird, wobei ihr Kopf hart auf den Boden aufschlägt. Das sind trotzdem nur mögliche Verstösse? Wird auch in die Richtung ermittelt, dass die Tiere die Behandlung total genossen haben und ist man deshalb vorsichtig mit den Formulierungen? Was müssten denn für Bilder eingereicht werden, damit selbst die Polizei klare Stellung bezieht und massive Tierquälerei auch rhetorisch als solche festmacht?
 
Dann weist er auch auf die neutralen Ermittlungen hin. Das ist an und für sich eine schöne Sache, neutrale Polizeiermittlungen sind sogar die Basis eines Rechtsstaats, aber muss man bei so einer Beweislage tatsächlich darauf pochen? Was würde wohl passieren, wenn gefilmt worden wäre, wie ein Mensch von anderen Menschen mit den Füßen an eine Baggerschaufel gebunden wurde, um dann mit seinem Kopf Basketball zu spielen? Könnten sich die Täter in diesem Fall ebenfalls darauf verlassen, dass die Polizei sich neutral verhält und auch in die Richtung ermittelt, dass die Behandlung für das Opfer ein großer Spaß war, für den niemand belangt werden muss? Die Antwort liegt wohl auf der Hand und man kann fest davon ausgehen, dass die Neutralität der Polizei im vorliegenden Fall nur daraus abgeleitet wird, dass hier ein Tier gequält wurde, und die Tortur dieser Lebewesen schon immer in absolut artgerecht, nicht ganz so gut und total verwerflich eingeteilt wurde.
 
Interessant ist auch, dass außer dem SOKO-Leiter und dem Pressesprecher der Staatsanwaltschaft auch eine Dame vom Landesamt für Lebensmittelsicherheit eingeladen wurde. Allein das ist so makaber. Da wollen sich Menschen also über drastische Tierquälereien unterhalten, dafür brauchen sie aber auch eine Stimme aus diesem Amt. Denn den Opfern der Behandlung wurde nunmal grundsätzlich der Lebenssinn aufdiktiert, dass sie für die Menschen im Akkord Lebensmittel zu produzieren haben. Und wenn diese Ausbeutung so abläuft, dass ein Amt bestätigen kann, dass die Lebensmittelsicherheit immer gewährleistet war, dann ist plötzlich auch jede Quälerei nur noch halb so schlimm. Einfach weil der Mensch nunmal von Grund auf schäbig ist und Empathie für die meisten zu der Bermuda-Inselgruppe gehört.
 
Dann kommt der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft zu Wort, bricht auch auf in die weite See des Konjunktivs und erklärt eigentlich nur, dass am Tag der Konferenz großräumig Razzien auf diversen Höfen des Milchviehbetriebs durchgeführt wurden, und man deshalb natürlich noch nichts dazu sagen kann. Warum man die Konferenz nicht einfach eine Woche später abhält, um dann konkret auf Ergebnisse dieser Durchsuchungen eingehen zu können, bleibt leider eine X-Akte. Wahrscheinlich weil der Pressesprecher sonst nicht auf die laufenden Ermittlungen hinweisen könnte und richtig Rede und Antwort stehen müsste, was für ein Albtraum. Hoffentlich bleibt beim aufmerksamen Publikum zumindest hängen, dass nicht nur gegen einfache Mitarbeiter ermittelt wird, sondern auch gegen Tierärzte. So wird dann wenigstens die Dimension klar, die dieser Sumpf inzwischen angenommen bzw. die er schon immer besessen hat und in dem wirklich alle Instanzen stecken, von der Chefetage über Ärzte bis hin zum kleinen Tierquäler, der die Gefangenen in den Melkstand bringt und dabei auf sie einprügelt.
 
Der Leiter der SOKO faselt in seiner Redezeit dann erstmal etwas von Tierwohl, und meint dieses Wort wohl leider nicht mal sarkastisch. Schließlich ist es in Menschenaugen durchaus möglich, sein ganzes Leben lang bis auf kurze Trockenstehphasen schwanger zu sein, sämtliche Kinder direkt nach der Geburt an Fremde zu verlieren, im Schnitt nach einem Fünftel der natürlichen Lebenserwartung umgebracht zu werden, und sich dabei trotzdem richtig wohl zu fühlen. Ein Schicksal, das auf den Menschen bezogen nur als FSK18-Fortsetzung des Films „Schweigen der Lämmer“ durchgehen würde, das diese Kreatur aber im Blick auf sogenannes Nutzvieh armseligerweise jederzeit als Paradiesersatz ansieht.
 
Der Mann nimmt dann auch mal ganz streng die Leute in die Pflicht, die doch tatsächlich den Hofbetreiber beschimpfen, „nur“ weil der Tiere wie den letzten Dreck behandelt. Da wird auch endlich der Konjunktiv fallen gelassen, denn gegen diese Leute besteht nicht nur ein Verdacht, dort wird auch nicht mehr neutral ermittelt, und da wird auch kein Verständnis mehr gezeigt. Es ist schließlich ein Unterschied, ob jemand einer Kuh lachend in den Bauch tritt und niemand weiß, ob der das nicht gefällt, oder ob derjenige daraufhin gemeingefährlich als Doofmann tituliert wird. Da muss man gerade als Ermittlungsbehörde knallharte Prioritäten setzen. Interessant wäre es übrigens, warum man diese Dinge nicht verhindert, indem man den Betreiber in U-Haft nimmt. Erstens wäre er so geschützt, zweitens ist die Beweislage so erdrückend, dass so eine Haft längst rechtlich gedeckt wäre, und drittens wäre das auch mal ein Signal an die Öffentlichkeit, dass so etwas richtig geahndet wird und die Schuldigen nicht nach einem Griff in die Kaffeekasse wieder auf die Tiere losgelassen werden.
 
Die Dame vom Landesamt erwähnt dann kurz in einem Nebensatz, dass bei ihren Untersuchungen 191 Kühe und 46 Kälber identifiziert wurden, die Ausfallerscheinungen zeigten. Diese Zahl ist doppelt bitter, wenn man bedenkt, dass trotzdem niemand Tierschutzverstösse klar benennt und zuordnet. Dieser Betrieb hat also über 200 Lebewesen dermaßen traktiert, dass sie sogar bei einer kurzen Vorabsichtung als misshandelt herausgefiltert wurden, aber trotzdem möchte niemand etwas unterstellen, alle schwelgen im Konjunktiv und haben auch ganz, ganz viel Verständnis für die arme Betreiberfamilie.
 
Die anschließende Fragestunde wird leider etwas wirr, da die Reporter alle bayrisch sprechen und auch niemand ein Mikrofon spendiert bekommen hat. Ohne Untertitel müssen wir da leider passen, aber dieser Text artet ja sowieso von der Länge etwas aus, da schon die Stellungnahmen der vier Hauptredner so diskussionswürdig waren. Deshalb machen wir an dieser Stelle auch Schluß und warten sehr gespannt darauf, ob endlich auch mal nach Ende der Ermittlungen bei dem Strafmaß gezeigt wird, dass der Staat etwas gegen Tierquälerei unternehmen will. Wunder soll es ja immer wieder geben.


Kategorie: Allgemein

7 Antworten zu “Stellungnahme zur Pressekonferenz zum neuesten Tierskandal”

  1. Maria sagt:

    Der Konsument von Tier-Leid muss sein Verhalten ändern. Man kann es auch Empathie nennen.

  2. Ute sagt:

    Was mich im Frage und Antwort Teil schon bestuerzt hat, ist die angesprochene Moeglichkeit, dass SOKO Tierschutz der Moeglichkeit einer Belangung wegen Hausfriedensbruch ins Auge sehen koennte. Zumindest habe ich das so verstanden, wenn Hoermann die folgenden Saetze aeussert: „Wir pruefen natuerlich auch, ob seitens dieses Vereins…. hier moeglicherweise Straftatenbestaende verwirklicht wurden in Form des Hausfriedensbruchs. Auch das wird rechtlich geprueft. Wobei nach Kenntnis der Staatsanwaltschaft auch hier eine obergerichtliche Rechtsprechung existiert, wonach hier solche Verhaltensweisen gerechtfertigt sind auf Grund uebergesetzlichen Notstandes. Der Tierschutz stellt hier offenbar nach der Rechtsprechung einen Notstandsgrund dar, so dass aus derzeitiger Sicht der Staatsanwaltschaft diese Filmaufnahmen als Beweismittel wohl in einem Prozess verwertet werden darf.“
    Die Wortwahl „aus DERZEITIGER Sicht“ und der Gebrauch der Gegenwart heissen fuer mich einfach, dass SOKO Tierschutz nicht unbedingt NICHT strafrechtlich verfolgt werden wird. Und im momentanen Anti-Whistleblower Klima und der so oft laut werdenden Drohung, dass die Aktivitaeten von Tierschuetzern/-rechtlern kriminalisiert werden sollen, selbst wenn sie zu Enthuellungen von Verstoessen gegen Tierschutzgesetze fuehren, laesst mich da schon ein bisschen Verdacht schoepfen. Die Befuerchtung besteht einfach, dass, je schlimmer die Aufdeckungen sind, desto heftiger gehandelt werden koennte – gegen die Aufdecker. Das verstoesst zwar gegen jede Logik, ist aber genau das, was heutzutage allzu oft passiert.

  3. Marita sagt:

    Dieses Gefasel im Konjuntiv wird vom Gesetz verlangt und von der Polizei zu gerne aufgegriffen. Nur nicht festlegen, es könnte ja auch anders sein. Solange ein Richter nicht schuldig spricht, ist derjenige eben als unschuldig zu sehen. Selbst wenn jemand auf frischer Tat erwischt wird, wie hier. Das ist eine andere Welt. Die Justiz schuldet den Emotionen keinen Raum. Nur Fakten. Das macht Gefühlsmonster aus den Menschen. Aber andererseits können solche Taten eben auch nur Menschen begehen. Wir Menschen sind eben beides – Engel und Teufel. Ein Glück, dass ich noch ein paar Engel gefunden habe – sonst wäre das Leben wirklich nicht mehr zu ertragen. Meine Hilflosigkeit frisst mich manchmal auf.

  4. Melanie sagt:

    Viele Menschen sind Teufel auf Erden und die Tiere die gequälten Seelen. Ich weiss manchmal nicht mehr wohin mit dieser unaussprechlichen Wut und Hilflosigkeit, man möchte nur noch draufschlagen.

  5. Antonia sagt:

    Solche Skandale und der Umgang damit zeigen immer besonders deutlich, wie denaturiert unsere Gesellschaft emotional ist. Es dürfte nicht den geringsten Zweifel daran geben, dass einerseits die Betreiber des Milchbetriebs hart bestraft werden müssen und niemals wieder Tiere halten dürfen, und dass andererseits SOKO Tierschutz ein Orden für die Aufdeckung verliehen werden müsste!
    Völlig egal, was vielleicht irgendwie irgendwo aus einem Gesetz interpretiert werden könnte, ist das für mich die einzige ethisch korrekte Konsequenz. Aber da in unserer Gesellschaft Ehtink und Moral kaum noch existiert, wird wieder alles so gedreht, wie es für die Milchwirtschaft am vorteilhaftesten ist. Das ist wirklich empörend und geistig auf unterstem Niveau armselig!!

  6. ingeborch sagt:

    „Zum Nachteil der Betreiberfamilie…“ das sagt schon alles. Die ist schlimm beleidigt worden im Internet und ein Auto wurde auch zerkratzt. Sachbeschädigung geht gar nicht. Ich wünsche den Quälern, denen, die weg geschaut haben und denen, die beschönigen, dass sie im nächsten Leben als Kuh in diesem Betrieb verbringen dürfen.

  7. ellen sagt:

    Ich kann mich nur den Ausführungen von Antonia absolut anschließen – wegschauen wird in unserem Land ganz groß geschrieben – einfach nur armselig –

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