Denn Tiere sind keine Maschinen

Die makellose Bilanz der Lobby-Glucke von der Bauerntruppe

von Admin, am 12.03.2019.
Heute hat die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner in Berlin ihre 1-Jahres-Bilanz vorgelegt (ab 1:09 h im Video). Überraschenderweise eine komplette Viertelstunde lang, wir waren etwas perplex, dass man so lange über nichts reden kann. Und dass die Erfolge der „Lobby-Glucke von der Bauerntruppe“ (Zitat Extra 3) sich bestens mit „Nichts“ zusammenfassen lassen, hat die TAZ bereits letzte Woche hier http://www.taz.de/!5578768/?fbclid=IwAR1_JbO0FyoiUpNKGV-QyHTjfzp4E_wTtZEhRv5L-C_Zhfnt8akolWx8f3I festgestellt. Da wir als Kritiker aber noch immer auf der Facebookseite von Frau Klöckner blockiert sind, möchten wir nochmal an dieser Stelle ihre als Rede getarnte Plattitüdenansammlung durchgehen und unsere Gedanken dazu loswerden.
 
Bevor sie auf Journalistenfragen eingeht, fasst Frau Klöckner erstmal aus ihrer Sicht das Pseudo-Erfolgsjahr zusammen. Da wird als erstes festgehalten, dass ihr Ministerium schon viel angepackt hat. Vorsichtshalber geht sie da aber nicht ins Detail und redet schon gar nicht davon, was durch dieses Anpacken erreicht wurde, sondern stellt nur diese Aussage in den Raum. Die klingt ja auch viel zu gut, um sie mit nicht vorhandenen Erfolgsbelegen zu ruinieren. Konkreter wird sie bei den Schuldzuweisungen, warum dieses erste Jahr nicht sogar noch viel, viel besser funktioniert hat, das liegt nämlich an der Diskussionskultur. Die ist viel zu emotional und außerdem reden auch viel zu viele mit, anstatt nur stumm zu bewundern, was die Julia an einem guten Tag so alles anpackt und direkt wieder fallen lässt. Dann redet die Frau, die bisher nur Entscheidungen zugunsten der Bauernlobby getroffen hat, von einem Ausgleich der Interessen und sorgt deshalb vorbildlich für auflockernde Lacher im virtuellen Publikum.
 
Danach wird es aber schnell wieder ernst, denn die Frau scheut sich tatsächlich nicht, ein paar ihrer Persiflagen auf Erfolge namentlich zu benennen. Da bringt sie natürlich als Erstes ihr Tierwohlkennzeichen und verschachtelt den beschreibenden Satz so geschickt, dass sie sogar ein „verbindlich“ in Zusammenhang mit diesem Siegelwitz unterbringen kann. Das müssen wir deshalb direkt auflösen: Dieses Kennzeichen beruht auf Freiwilligkeit, kein Bauer muss (und wird …) sich daran halten, und der Verbraucher wird es auch nicht annehmen, da er von Siegeln eh erschlagen wird. Und die paar Bauern, die sich das Ding tatsächlich auf ihre Produkte pappen möchten, müssen ihren Schweinen selbst auf der höchsten Stufe nur ein paar Zentimeter mehr Platz, wenige Plustage mit der Mutter und eine betäubte Verstümmelung gewährleisten. Es gibt nicht eine Tierschutzstimme, die dieses Siegel auch nur als marginalen Durchbruch kommentiert, selbst Klöckner redet nie konkret von den „Verbesserungen“, sondern rettet sich bei anderen Gelegenheiten darauf angesprochen in beschönende Prozentangaben.
 
Außerdem labert sie etwas von wichtigen Weichenstellungen in Brüssel für die Landwirte. Da zeigt ja schon der Begriff sehr gut auf, dass da nur Weichen umgestellt wurden, über die noch kein Zug rübergefahren ist. Allein deshalb ist es schon schäbig, so etwas in eine Erfolgsbilanz unterbringen zu wollen, noch schäbiger wird es, wenn man sich dazu die Kommentare der Kleinbauern auf diversen Fachseiten anguckt. Denn diese Weichenstellung spielt wieder ausschließlich den Großbetrieben in die Karten, also die Zielgruppe, die Madame „Interessenausgleich“ sowieso ausschließlich bedient.
 
Im Anschluss geht sie auch noch auf ihre wahnsinnige Erfolgsrate bei der Ernährung ein. Da hat sie ein Zentrum für Kinderernährung gegründet, wo nach irgendwas geforscht wird. Anscheinend nach billigen Kalendersprüchen, denn sie erklärt das Ganze mit dem uralten Hänschen/Hans-Vergleich. Um höflich zu bleiben, geben wir nur zu Protokoll, dass wir uns von den Forschungen dieses Zentrums nicht viel versprechen und das ganze Steuergeldervernichtungsmodell selbstverständlich nicht als Erfolg durchgehen lassen. In einem Nebensatz lässt sie auch noch fallen, dass sie eine bessere Nahrungskennzeichnung eingeleitet hat. Komisch, dass sie das so verschämt in einem ihrer Satzbausteine versteckt, das wird nämlich viele Kritiker interessieren, die ihr gerade die trotzige Blockade einer Lebensmittelampel vorwerfen. Und sie ist sich auch nicht zu schade, auf ihre (natürlich freiwillige) Vereinbarung mit der Lebensmittelindustrie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salzen einzugehen, die dermaßen erfolgreich war, dass die Diabetes-Gesellschaft sie erst harsch kritisierte https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/diabetes/article/979349/diabetes-gesellschaft-kloeckner-stellt-verbraucher.html und sich inzwischen sogar aus Klöckners Beratergremium zurückgezogen hat. https://www.waz.de/politik/diabetes-gesellschaft-verlaesst-kloeckners-zucker-gremium-id216427275.html
 
Zum Schluß ihrer Zusammenfassung geht sie auch noch langatmig auf die Digitalisierung in der Landwirtschaft ein und zeichnet dort ein besonders strahlendes Bild der unglaublichen Verbesserungsmöglichkeiten. Lustigerweise wechselt sie dort selber in den Konjunktiv, wir beschränken uns also bei der Bewertung dieser Stelle auf ein Zitat von einer Grammatikseite: „Den Konjunktiv verwenden wir im Deutschen für Situationen, die nicht real, sondern nur möglich sind, z. B. wenn wir uns etwas vorstellen oder wünschen.“ Besser kann man das Gesülze wohl nicht erklären und den Stellenwert in einer konkreten Jahresbilanz einordnen.
 
Dann geht es zu den Journalistenfragen, und gleich auf die erste ist Klöckners Reaktion sehr bezeichnend. Es wollte jemand wissen, wie die Ministerin damit umgeht, dass ihr fast alle großen NGOs ein schlechtes Zeugnis mit Schulnoten von 4 – 6 ausstellen. Die Antwort ist, dass diese NGOs sich gegenseitig radikalisieren, in ideologischen Schubladen feststecken und mit ihrer einstimmigen Kritik zu ihrer ach so makellosen Arbeit die Gesellschaft spalten. Und wer jetzt noch nicht angwidert genug ist, für den bringen wir das anschließende Klöckner-Zitat im Original: „Die Besonderheit der Demokratie ist der Ausgleich von Interessen und nicht die 100%-Forderung und die Moralfrage, sondern die Frage, ob man in die richtige Richtung geht, um etwas zu verbessern für unsere Gesamtgesellschaft.“ Das heisst also übersetzt, dass sich zumindest das Klöckner-Ministerium jederzeit auch für unmoralische Richtungen entscheidet, wenn sich dadurch etwas verbessern lässt. Das erklärt zum einen den aktuellen Regierungsstil sehr plausibel, verursacht aber zumindest bei uns eine sehr dicke Gänsehaut.
 
Der nächste Fragesteller möchte wissen, ob das Tierschutzkennzeichen tatsächlich an eine artgerechte Haltung heranreicht. Das beantwortet die Ministerin damit, dass das Siegel demnächst auch für das Huhn und das Rind kommt, und dass ansonsten eigentlich nur die Verbraucher in der Pflicht stehen. Da wird sie auch richtig ausführlich, denn mit den Vorschlägen, was der Verbraucher alles machen kann, könnte sie anscheinend ganze Bücher füllen. Auf die eigentliche Frage geht sie letztendlich nicht ein. Wir behaupten mal ganz frech, dass das an ihrem eigenen Wissen darüber, dass ihr Kennzeichen nicht mal annähernd artgerechte Bedingungen herstellt, liegen wird.
 
Auch die nächste Frage wird gekonnt ignoriert. Eigentlich sollte Frau Klöckner erklären, warum sie sich gegen einen Vorschlag stemmt, dass jedes Ministerium zu einem gemeinsamen Klimaschutzziel beitragen soll. Stattdessen verweist sie auf einen eigenen 10-Punkte-Plan, der bereits hier http://www.taz.de/!5563088/ als Unsinn entlarvt wurde, ansonsten gibt es nur das übliche Geschwurbel. Vor der anschließenden Frage haben leider unsere Lautsprecher kapituliert, die Antwort der Ministerin ist aber wieder gewohnt allgemein. Sie verweist darauf, dass natürlich nicht alles gelingen kann, das verlangen wir übrigens auch gar nicht, fänden es allerdings persönlich sehr schön, wenn in ihrem Ministerium wenigstens etwas mal klappen würde. Das scheint allerdings nicht der Fall zu sein, wenn man sich diese Pressekonferenz und diverse -beurteilungen ansieht. Aus heiterem Himmel lobt sie sogar Jens Spahn, einen weiteren großen Spalter dieser Nation, der nur über Populismus punkten kann und nicht nur auf dem Gebiet seines Ministeriums einer der größten sozialen Füchler in diesem Land ist. Schade, dass die Frage so leise gestellt wurde, man kann aber wohl davon ausgehen, dass sie mit dieser Antwort wieder nichts zu tun hatte.
 
Auf das Thema Glyphosat ist der erste hier verlinkte Artikel schon sehr gut eingegangen, da müssen wir nichts wiederholen. Und danach ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei und uns bleibt nur festzuhalten, dass es wirklich beeindruckend ist, über eine Viertelstunde eine Jahresbilanz schönzureden und trotz kompletter Inhaltlosigkeit so das Gefühl zu erzeugen, dass man ein absolutes Erfolgsmodell anführt. Glücklicherweise benutzt Frau Klöckner dafür aber ständig die gleichen Phrasen, was immer mehr Menschen auffällt. Da kann man nur hoffen, dass wir irgendwie auch die nächsten 3 Jahre mitsamt Kommentierung überstehen und der Wähler danach endlich mal die richtigen Konsequenzen zieht.
 

 


Kategorie: Allgemein

6 Antworten zu “Die makellose Bilanz der Lobby-Glucke von der Bauerntruppe”

  1. Wo aus Wu sagt:

    Eine Fingerpuppe von vielen. Und weitere stehen in den Startlöchern. Die hohe Kunst besteht u.a. eben darin, das Nichts nicht als Nix zu verkaufen, sondern ins Gegenteil verdreht als ein Nicht-Nichts erscheinen zu lassen … oder so ähnlich. Irgendwas habe ich in meinem Leben falsch gemacht … oder auch nicht.

  2. Ursula sagt:

    Die Julia kann nix dazu. Sie hat halt alle
    charakterlichen Qualitäten für eine politi-
    sche Karriere in diesem Land. Deshalb forscht
    man jetzt auch mit Hochdruck an der
    künstlichen Intelligenz.
    Hier ein Video gegen Schinken-Konsum, das
    der Julia nicht gefallen wird

    https://www.youtube.com/watch?v=Td3T573yW88

  3. Marita sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Bundeslandwirtschaftsministerin wirklich nichts dafür kann. Sie weiß wie sie mit dem Bockmist den sie von sich gibt, jede Menge „Zuwendungen“, von der vermeintlich richtigen Seite, bekommt. Sie ist so willfährig den Herren der Lebensmittel- und Fleischindustrie dienlich, dass es in meinem Hals würgt, wenn ich sie sehe. Da frage ich mich doch, was ist dieser Frau so alles zugestoßen, dass sie sogar die Tiertransporte bis in die Türkei fahren nicht verbieten will, obwohl schon viele Landwirtschaftsminister auf Länderebene dagegen sind. Dieser Frau ist schon im Kindesalter das Rückgrat und die Empathie zerstört worden. Dabei würde ich sie so gerne mal in einem der Tiertransporte stecken. Vollbesetzt mit zu Tode verängstigten Rindern, ohne Essen und Trinken 3000-4000 Kilometer eingepfercht und nicht zu wissen, was mit einem geschieht…. Na wie wäre es, Frau Ministerin, würden Sie dann immer noch so strahlen?

  4. Cornelia sagt:

    Wollte diese Frau nicht eigentlich Ministerpräsidentin werden? Sozusagen als Sprunghilfe auf den Kanzler*innen-Thron?

    Ich denke, diese Absicht ist notgedrungen verschoben aber keineswegs aufgegeben – da kann sie sich mit Marginalien wie Landwirtschaft, Ernährung etc. nicht groaßartig aufhalten – allenfalls, um sich das Wählerpotenzial aus der Agrarindustrie zu sichern…

  5. Gabriele sagt:

    Puh, soviel zu lesen, von Leuten, die ich gar nicht mag. Würde lieber von den Butenlandtieren lesen.

  6. Admin Admin sagt:

    Warum liest du den Bericht dann? Es gibt hier pro Woche 13 Berichte über die Butenland-Tiere und 1 über das politische Geschehen. Wieso hängt man sich dann trotzdem das dritte Mal hintereinander an dem einen politische Bericht auf? Nochmal: Karin sind diese politischen Berichte sehr wichtig und auch ich finde es nicht verkehrt, diese Machenschaften zu kommentieren. Wenn man damit überhaupt nicht zurecht kommt, wieso ignoriert man sie nicht einfach und liest sich nur die Heile-Welt-Alternativen durch? Gerade zu den Klöckner-Texten haben wir sogar Anfragen von anderen Magazinen zur Weiterverwertung bekommen, so schlecht geschrieben können die also nicht sein.

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