Denn Tiere sind keine Maschinen

Unser Kommentar zur ganzjährigen Anbindehaltung

von Admin, am 10.04.2017.

Die ganzjährige Anbindehaltung bleibt in Deutschland weiter erlaubt. Das ist eine Nachricht, die gerade uns als Lebenshof mitten in die Magengrube trifft, sehen wir doch ständig, wie bewegungsfreudig und lebensfroh Rinder auf eine Weide reagieren und immer wieder sogar regelrechte Bocksprünge vor Freude machen, wenn endlich der Frühling anbricht und sie wieder in die große, weite Welt hinaus dürfen. Wir haben auch noch immer die Bilder von Lillja im Kopf, als diese Kuh zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Weide durfte und ihr Glück gar nicht fassen konnte. Wir können also durch unsere Erfahrung absolut unterstreichen, wie sehr Kühe Freiheit zu schätzen wissen und wie sehr sie dementsprechend in Gefangenschaft leiden.

Das Makaberste an der ganzen Sache ist aber, dass wir mit dieser Meinung nicht alleine stehen, denn im April 2016 hat der Bundesrat höchstpersönlich ein Verbot dieser Haltungsform mit einer zwölfjährigen Übergangsfrist gefordert. Das wurde nur nicht umgesetzt, weil das Bundeslandwirtschaftsministerium wie üblich vor Lobbyinteressen eingeknickt ist und deshalb diesen Beschluss nicht umsetzen will. Stattdessen hat man sich mit Phrasen aus der Sache hinausgewunden und darauf verwiesen, dass der Bundesrat keine konkreten Ziele und Alternativen genannt hat. Dabei beteuern die Verantwortlichen sogar, dass sie selber diese Haltungsform nicht als optimal ansehen, aber dennoch weiter an ihr festhalten. Einfach weil jede Umstellung für die betroffenen Bauern teuer werden würde, und wenn es an den Geldbeutel geht, dann muss jede Art von Tierwohl hinten anstehen.

Stattdessen hagelt es jetzt halbgare Verbesserungen, um den Tierschutzwillen der Verbraucher mehr als fadenscheinig zu bedienen. Zwar müssen die Kühe ihr ganzes Leben lang quasi an einer Stelle verharren, aber dafür bekommen sie größere Tränken, es werden Lüfter installiert, und der „Liegekomfort“ (tatsächlich ist sich das Ministerium nicht zu schade, die Situation der Opfer mit diesem Begriff zu verhöhnen) wird durch mehr Einstreu gesteigert. Diese an sich schon lächerlichen Verbesserungen sind auch noch auf freiwilliger Basis. Wer von den Bauern mitmacht, bekommt nur eine schicke Plakette für die Stalltür, damit jeder sehen kann, wie gut es den lebenslänglich Verurteilten geht, auch ohne Sonnenschein, natürlichen Wind oder irgendeiner Form von Bewegung jenseits des Aufstehens und des Hinlegens.

Und als wäre das alles nicht grausam genug, wurden wir auch noch an diesen Skandal erinnert, weil wir gestern auf einer Seite, die von Tierärzten betrieben wird https://www.facebook.com/wirsindtierarzt/?fref=ts, eine Lobeshymne auf diesen Freiheitsentzug gelesen haben. Da ist die Rede davon, dass sich Kühe nicht mehr um Plätze in den Versorgungsboxen bemühen müssen, wenn sie diese gar nicht mehr verlassen dürfen, es wird hervorgehoben, dass sich die Tiere nie mehr Sorgen um Wasser und Futter machen müssen, es gibt im Melkstand keine Wartezeit mehr, sondern die Kühe werden von den Robotern direkt in ihrem modernen Verlies besucht, dadurch, dass sie sich kaum bewegen können, treten nicht mehr so oft Lahmheit oder Klauenverletzungen auf, die Tiere gewöhnen sich schneller an den Menschen, da sie ihm nie ausweichen können, und nicht zuletzt verletzt sich die Kuh weniger, wenn sie keinen Kontakt mit Artgenossen hat. Fazit: Die temporäre Anbindung scheint Kühen nichts auszumachen.

Wie erwähnt kommen diese Verteidigungen von Tierärzten, also von Menschen, die sich der Gesundheit und des Wohlbefindens dieser Tiere verschrieben haben. So etwas wäre wohl auf Menschen bezogen nur als Plot für einen bösen Horrorfilm geeignet, für die Tiere ist das Alltag. Und uns bleibt da wie immer nur, jeden Butenländer einmal extra zu streicheln und uns ansonsten für so manchen unserer Artgenossen abgrundtief zu schämen.


Kategorie: Allgemein

16 Antworten zu “Unser Kommentar zur ganzjährigen Anbindehaltung”

  1. Ute sagt:

    Es ist nicht Sprachlosigkeit, die mir verbietet hier zu kommentieren, sondern die (Un-)Art von Sprache, die ich mich versucht fuehle, zu benutzen. Und das tue ich diesen Tagebuchseiten nicht an…
    Nur das – jedes Mal, wenn man denkt, einen Lichtblick zu erhaschen, wird es dunkler als zuvor….

  2. Sigrid sagt:

    „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln“.
    Mahatma Gandhi

  3. Ellen sagt:

    Die Lobbyisten haben in Berlin und Brüssel alles fest im Griff. Eine Unglaublichkeit, das selbst die Feststellungen des Bundesrates keinen „Pfifferling“ wert sind – man wendet und dreht sich wie ein Aal. Übrigens gibt es dem Wort von Mahatma Gandhi nichts hinzuzufügen – unser so wohlhabendes Deutschland kann es sich nicht leisten, ein Mindestmaß an Freiheit und Bewegungsmöglichkeit für Tiere anzustreben – eine Schande.

  4. Rielle sagt:

    Ich fühle mich so hilflos und wütend, weil ich an diesen Zuständen nicht das Geringste ändern kann.

  5. Ines sagt:

    Die Menschheit ist ein Fehlversuch der Natur. Da ist echt was schief gelaufen. Schlimm ist nur, dass Menschen die Gelegenheit bekommen haben, anderen Lebewesen so viel Leid zuzufügen!

  6. Monika Hoffmann-Kühnel sagt:

    Ich verfolge das Forum bereits seit einiger Zeit, schreibe aber heute das erste Mal einen Beitrag. Ja, es ist beschämend und kläglich, wie Politik und industrielle Landwirtschaft gemeinsame Sache machen, wenn es ums große Geld geht. Und es macht einfach nur wütend, wenn ein Berufsverband, der eigentlich dem Wohl von Tieren verpflichtet sein sollte, Tierquälereien mit geradezu zynischen und sachlich falschen Argumenten rechtfertigt…
    Aber ich denke, wir sind nicht vollkommen machtlos. Wir können unsere Essgewohnheiten ändern (war viel leichter als gedacht), und wir können uns in die politische Diskussion einbringen (Wahljahr!) oder Organisationen unterstützen, die sich für Tierrechte einsetzen. Natürlich gehen uns allen Veränderungen nicht schnell genug, aber jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt!
    An dieser Stelle ein großes Dankeschön an das Butenland-Team – Ihr seid Motivation und Vorbild!

  7. Ursula sagt:

    Ines hat es auf den Punkt gebracht, was die
    angebliche Krone der Schöpfung angeht.
    Die Verhältnisse im Umgang mit Bruder und
    Schwester Tier sind zum Kotzen. Ich finde,
    das darf man, ja muß man auch so benennen.
    Jede Zurückhaltung hier ist fehl am Platz
    und dient letztlich dem Ausbeutersystem.

  8. Ute sagt:

    Ein Zitat von Jean Paul (Richter) faellt mir hierzu noch ein: „Because the heart beats under a covering of hair, of fur, feathers, or wings, it is, for that reason to be of no account?“
    „Weil das Herz unter einer Umhuellung von Haar, von Pelz, Federn oder Fluegeln schlaegt, aus diesem Grund soll es ohne Bedeutung sein?“
    Scheint, fuer oh so viele Leute, die Antwort ist „Ja“…

  9. Melanie sagt:

    Ich stimme Dir von Herzen zu, Ines, der Mensch ist wirklich eine Fehlkonstruktion. So etwas hätte nicht entstehen dürfen, eine Spezies die so viel Leid anrichten kann.
    Ich bin aber der Meinung, dass das „Problem“ Mensch endlich ist, schließlich ist der Mensch auch die einzige Spezies die sich selbst die Lebensgrundlage nimmt.

  10. Inga sagt:

    Dieselben Entscheidungsträger werden auch nicht lange zögern, aus Kostengründen alte Menschen in Pflegebetten zu verbannen, angeschlossen an Apparate und versorgt von Robotern, ob das nun nötig ist oder nicht.

    Da aber z.B. Karin und Jan und die hier Kommentierenden auch der Spezies Mensch angehören, schließe ich mich Monika an und sage: Wir können auch anders, und wir sind nicht ganz machtlos.

  11. Karin sagt:

    Liebe Ute,
    Ein Zitat von Jean Paul (Richter) faellt mir hierzu noch ein: „Because the heart beats under a covering of hair, of fur, feathers, or wings, it is, for that reason to be of no account?“
    „Weil das Herz unter einer Umhuellung von Haar, von Pelz, Federn oder Fluegeln schlaegt, aus diesem Grund soll es ohne Bedeutung sein?“ Knnst Du mir die Quelle des Zitats benennen ? LG Karin

  12. Ute sagt:

    Hi, Karin! Die englische Version las ich vor einiger Zeit irgendwo – wahrscheinlich auf dem Internet, einem Gedichtband oder aehnlichem. Die deutsche Uebersetzung ist meine (mag „Umhuellung“ nicht besonders). Genaueres muss ich ausfindig machen, kann ein Weilchen dauern – schick‘ entsprechende Information an Deine Email-Adresse, wenn das in Ordnung ist ?

  13. Sabine sagt:

    Im Kapitalismus steht der Profit an erster Stelle. Alles andere wird untergeordnet.
    Einige wenige werden dabei sehr reich, viele schwimmen mit, viele leiden darunter.

  14. Heike sagt:

    Ines, Du hast einfach recht! Wir sind sowas von einem Fehlversuch, wo bleibt bloß der Abbruch??!!

  15. Gabriele sagt:

    Ich würde gern mal wissen, wer diese hervorragenden Texte schreibt? Ich mag diese Umschreibungen, sie sind so klar und deutlich und von mir aus könnten sie noch drastischer sein, um die ganze Brutalität zum Ausdruck zu bringen, die diesen armen Wesen angetan wird. Es wäre toll, solche Kämpfer mit Worten in der Politik zu haben.

    Ich habe noch eine andere Frage, die Euch aber auf keinen Fall unter Druck setzen soll:
    Hat es einen bestimmten Grund warum Ihr keine Ziegen und Schafe bei Euch aufnehmt? Diese Tiere werden doch auch so schlimm ausgebeutet. Wenn ich da an die armen Osterlämmer oder die Hammel denke, die geschächtet werden. Ich weiß, es ist ein Kuhaltersheim, doch da Ihr auch Schweine und Geflügel aufnehmt hatte ich schon so oft an die armen Schafe und Ziegen gedacht. Aber, vielleicht liest das hier ja sowieso niemand mehr und dann hat sich meine Frage erübrigt.

  16. Admin Admin sagt:

    Die Texte tüfteln Karin und ich gemeinsam aus. 🙂

    Und ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, der Grund keine weitere Tierart aufzunehmen, ist einfach der immer damit verbundene Streß. Niemand kann sich vorstellen, wieviele Anfragen hier wöchentlich eingehen, die sich mit der Übernahme eines Rinds oder eines Schweins beschäftigen. Und jedes Tier ist natürlich eine Ausnahme und sollte unbedingt berücksichtigt werden. Das tut jedes Mal weh, wenn man da eine Absage formulieren muss, allein heute musste ich das zweimal tun.

    Dazu kommt, dass jede neue Tierart auch seine speziellen Bedürfnisse hat und man als Halter darauf eingehen muss. Es ist ja keinem Schaf und keiner Ziege zuzumuten, dass man sie einfach vielleicht sogar als Einzeltier auf den Hof stellt und dann mal machen lässt.

    Ganz aktuell habe ich auch erfahren, wie schwierig eine Vergesellschaftung sein kann, im aktuellen Fall sind es Schweine, aber wer weiß, ob das bei Schafen und Ziegen nicht genauso ist?

    Und zum Schluß muss man dann natürlich auch die Frage stellen, warum man bei Schafen und Ziegen aufhören sollte und nicht noch Esel, Schwäne, Hasen, Reptilien, Heidschnucken, Fische und, und, und auf Butenland ansiedeln sollte? Die Liste der ausgebeuteten Tiere ist da ja leider fast unendlich.

    Wie erwähnt kenne ich den exakten Grund nicht, aber ich finde es dennoch sehr gut, dass sich Karin und Jan auf ein paar Tierarten spezialisieren und diesen Tieren dann auch aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung das Leben bieten können, das ihnen zusteht. Momentan merke ich gerade extrem, dass mit die schwierigste Aufgabe bei der Leitung eines Lebenshofs ist, sich nicht zu verzetteln und nicht zu übernehmen. Gerade wenn die Anfragen dutzendweise eingehen, kann das schnell passieren, gerade in einer Außenwelt, die voller Tierleid steckt. 🙁

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